Leistung: Gut, besser, am besten

Eine Geschichte meiner Kollegin Annette geht mir nicht aus dem Kopf. Als sie zeitweise in Neuseeland gelebt hat, hatte ihre Tochter eine erstaunliche Erkenntnis: „Wenn zu Hause ein Kind was gut kann, sagen die anderen immer: ,Das kann ich auch!‘ Und hier sagen sie: ,Das ist toll, dass du das kannst!‘“

Dieses „Das kann ich auch“ beschäftigt viele Kinder spätestens in der Grundschule. Ein kurzes „Das kann ich auch“, und schon ist das Gute eben nicht mehr gut. Oft geht es sogar nicht nur darum, etwas „auch“ zu können, sondern darum, es „besser“ zu können. Oder bestenfalls gleich am besten.

Manche Pädagoginnen und Psychologen meinen, diese Konkurrenz gehöre dazu. Wer sich vergleicht und misst, weiß, wo er steht. Nur wer sieht, wie die anderen sind, kann sich selbst einschätzen. Wird angestachelt. Gibt noch mehr. Das nennen sie Leistungsmotivation.

Das Kind will sich und der Umwelt beweisen, wie gut es ist. Wie toll es turnen kann, wie schön es malt, wie gut es in der Schule ist. Bis zu einem gewissen Punkt ist das wahrscheinlich wirklich alles ganz normal. Wer schaut nicht nach rechts oder links zu den anderen.

Wo ist die Grenze?

Oft gibt es in den ersten beiden Schuljahren keine Noten, sondern Sternchen. Oder kleine Könige, die sich ganz unten am Seitenende eines Tests hinhocken. Könige, die weinen, neutral gucken oder lachen. Und solche, die stolz ihre Krone auf dem Kopf tragen.

Und es gibt Wettbewerbe. Vorlesen, Rechnen oder Leichtathletik. Und zwischendrin eine sogenannte Lernstandserhebung, die nicht nur die Kinder rankt, sondern auch die Klassen und die Schulen.

Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Eine Schulzeit mit Noten ab der 1. Klasse, mit Bundesjugendspielen, mit Fehlerlesen oder Vokabelkampf. Scheinbar war ich damals in einem Kokon mit guten Lehrern und wenig Konkurrenzdruck. Vielleicht verblasst die Erinnerung mit der Zeit. Doch ich weiß, dass ich beim Fehlerlesen oft gewonnen habe, und beim Vokabelkampf verloren. Den Kasten beim Gerätturnen habe ich gerissen, dafür war ich schnell. Das waren für mich Momentaufnahmen. Wir Kinder haben das nicht weiter kommentiert, man könnte sagen, es war nur ein Spiel, mehr nicht.

Heute hingegen wird oft der „gesunde Ehrgeiz“ beschworen. Kann Ehrgeiz überhaupt gesund sein? Wann wird er krank? Und wer spricht von „gesunder Gelassenheit“? In einer Gesellschaft, die gerne das Wort Leistung im Namen trägt. Verlangt die sogenannte Leistungsgesellschaft mehr als früher von den Kindern, sich zu vergleichen – und möglichst besser zu sein?

Sein Bestes zu geben ist gut

„Den Menschen zu reduzieren auf einen einzelnen Aspekt und ihn dann zu vergleichen und zu sagen: Der eine ist besser, der andere schlechter – das wird der Fülle unseres Menschseins nicht gerecht. Ich würde immer nur sagen: Ich kann etwas besser. Aber niemals: Ich bin besser.“ Diese Worte des Theologieprofessors Wolfgang Huber (Chrismon 2012) haben sich in mein Hirn gesetzt.

Etwas gut machen zu wollen, ja. Das ist nichts Schlechtes. So gut, wie man kann. Kinder heute sagen nur selten: „Ich habe mein Bestes gegeben.“ Sie sagen: „Ich bin nur Zweite. Und der Paul, der war Erster.“ Sein Bestes zu geben, ohne Bester zu sein, das scheint keinen Wert zu haben.

Als unser Kind klein war, haben wir ein wunderbares Bilderbuch vorgelesen: „Fünfter sein“. Mit Versen von Erich Jandl. Es verkehrt das Prinzip dessen, den anderen immer voraus sein zu müssen. In einem Wartezimmer sitzen fünf Spielzeugtiere und Puppen: Dem Pinguin fehlen die Flügel, die Laufente hat nur eine Rolle, der Teddy ist bandagiert und trägt eine Augenklappe – jeder hat ein Wehwehchen … Einer nach dem anderen verschwindet hinter einer Tür und kommen heile wieder zurück. Es geht nacheinander, nicht jeder kann der Erste sein, aber auch der Fünfte darf zum Puppendoktor. Das ist der mit der gebrochenen Nase – er hat die Nase, wieder zusammengeklebt, zu guter Letzt vorn.

Was ist Leistung?

Da passt ein Sprichwort gut: „Dabei sein ist alles.“ Doch zählt Dabeisein im Vergleiche-Parcours? Ist gut noch gut genug? Und: Wann ist jemand gut? Ein Kind, das zwei Mal wöchentlich im Turnverein turnt, wird den Handstand schneller lernen als ein Kind, das ihn nur im Sportunterricht übt. Leistet das Kind ohne Turnverein dann nicht mehr, wenn es den Handstand an der Wand kann? Ist es nicht ein größerer Erfolg, wenn ein Kind sich um zwei Noten verbessert – selbst wenn es dann keine Eins, sondern eine Drei ist?

Besser zu sein, das bedeutet, sich selbst zu übertreffen – nicht die anderen. Vergleiche können gut sein, wenn es Vergleiche mit sich selbst sind.

P.S: Mit diesem Posting nehme ich an der Blogparade „Schulstart von A bis Z“ des Blogs „Jetzt Schulkind“ teil. Buchstabe L wie Leistung.

Fotos: Andrea Behnke