Blog

Didacta 2019

Braucht man ein Geodreieck zum Abheften? Und braucht man einen Timer, in dem sich bunte Blubberblasen ihren Weg nach unten bahnen? Braucht man ein holographisches Wedelding, um die Konzentration von Kindern zu fördern? Diese Fragen beschäftigten mich gestern auf der Didacta in Köln.

Liest man heute die Medienberichte von der Eröffnung der Messe könnte man glauben, dass es auf der gesamten Didacta nur um virtuelle Wirklichkeiten ging. Dem war aber nicht so. Natürlich konnte man auch in digitale Welten eintauchen: mit der Virtual Reality-Brille auf der Nase oder mit dem Tablet in der Hand. Denn Digitalisierung ist ein wichtiges Branchenthema. Doch so lange nicht die Lehrerinnen und Lehrer entsprechend ausgebildet und Schulen anständig ausgestattet sind, ist und bleibt das Zukunftsmusik. Und digitale Bildung wird immer nur ein Baustein bleiben.

Ausgestanzte Kreativität

Daher gab es für mein Empfinden nach wie vor sehr viel Papier auf der Messe: Schulbücher, Kinderbücher, Handreichungen für Lehrer/innen, Kopiervorlagen, Lernblöcke und, und, und … Zudem fand man reichlich Material, das „Lehrern das Leben leichter macht“ (so ein Slogan). Ob dem wirklich so ist, war eine weitere Frage, die ich mir stellte. Ich bin keine Lehrerin, stecke daher nicht im Schulbetrieb. Aber sind wirklich all die Stempel nötig, all die Utensilien aus Plastik, all die vorgegebenen Dinge?

Wenn ich es mir recht überlege, ging ich überhaupt recht fragend durch die Hallen. Denn was mir ebenfalls aufgefallen ist: Von Didacta zu Didacta gibt es immer mehr Sachen unter dem Siegel „Kreativität“, die die Kreativität in meinen Augen jedoch nicht fördern, sondern einschränken. Nach der letzten Didacta schrieb ich schon über den Sand für drinnen. Dieses Mal sind mir vor allem die vielen „Bastelpackungen“ aufgefallen – vorgestanzte Kronen, Tiere, Blumen … Nur kurz aus der Pappe drücken, und fertig ist der perfekte Dekoartikel für Kita- oder Klassenraum? Filzscheiben, die man nur noch fädeln muss, Ausmalhefte, alles Sachen, die nur einen Weg zulassen und die für „das Perfekte“ stehen.

Wie schön, dass es auch viele Stände mit ganz verschiedenen Stiften und allen möglichen Farben gab. (Ich habe mir auch zwei Packungen mit wasserfesten Wachsmalern gegönnt). Ein Blatt Papier, Farben, eine Schere … und das Kind wird von alleine kreativ, ganz bastelpackungsfrei.

Gekaufte Fundstücke

Ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, sind Geschichten: Ich lebe davon, Geschichten zu schreiben. Und ich erfinde mit anderen Geschichten. Daher habe ich mich gefreut, dass mein Ratgeber „Geschichten erfinden mit Kindern“ wieder bei Herder ausgestellt war. Doch was mich – analog zu den Bastelpackungen – gestört hat: Auch das Thema Geschichten erfinden wird buchstäblich in Kisten gepackt. In Geschichtenkisten findet die Pädagogin, der Pädagoge (angeblich) alles, was es für eine Geschichte braucht: Naturmaterialien, Figuren, Gegenstände, die Kulisse … Doch macht es nicht gerade das Erfinden aus, dass ich mich – bestenfalls gemeinsam mit dem Kindern – auf die Suche nach Fundstücken mache? Dass ich vor die Tür gehe und mich inspirieren lasse? Dass ich die Welt mit den Augen der Geschichtenerzählerin oder des Geschichtenerzählers sehe?

Ich habe nichts gegen Hilfsmittel. Ich finde ein Kamishibai zum Beispiel sehr schön. Das gibt einen Rahmen, den man mit eigenen oder fertigen Bildern füllen kann. Aber muss man inzwischen wirklich selbst Fundstücke kaufen? Ja, genau, diese Frage geisterte mir wirklich im Kopf herum: Muss ich wirklich alles kaufen? Mir war ein bisschen nach „Pädagogik mit weniger“, bei dem Anblick der vorgefertigten Kreativität.

Gedankenmacher

Doch es gab auch Sachen, die mich inspiriert haben, die mir gefielen: die Musikinstrumente, die Mini-Ukulelen für Kinder beispielsweise, die Orff-Instrumente, die vielen verschiedenen Cajons, die Trommeltische … Die unbemalten Holzeinrichtungen, die Raum für eigene Gedanken lassen, die Spiele aus aller Welt. Die engagierten Verbände,  Initiativen und politischen Einrichtungen, die sich und ihre Bildungsangebote präsentierten. Sie sind ein guter Gegenpol und regen zum Nachdenken an. Denn gerade das ist Bildung.

Fotos: Andrea Behnke

Manege frei für Rodeo

Mein Osterbilderbuch ist da! Endlich ist Weihnachten weit genug weg und ich darf Rodeo zeigen. Das Wetter ist zwar nicht frühlingshaft, aber vor dem Schnee kommt das farbenfrohe Buch doch gut zur Geltung, oder?

Rodeo ist ein Osterhase – doch lieber wäre er Zirkushase. Denn direkt vor seinem Arbeitsplatz steht ein Zirkuszelt. Alle Tiere dürfen Kunststücke proben. Nur er muss malen. Darauf hat er gar keine Lust. Doch Rodeo ist kein Akrobat. Und was kann er schon, außer Eier zu verschönern? Manchmal kommt es anders, als man denkt. Vor allem, wenn man sich mit einem Hamstermädchen anfreundet. Eine Geschichte über Sehnsüchte, Freundschaft, eigene Talente und das Voneinanderlernen.

Nina Hammerle hat das Buch wunderbar bebildert. Gerade konnte ich die Belegexemplare auspacken und freue mich. Erschienen ist das Buch bei Kizz im Herder Verlag. Hier kann man hineinblättern.

Andrea Behnke / Nina Hammerle
Ein Hase will zum Zirkus
Kizz 2019

Foto: Andrea Behnke

Flaschenpost

„Flaschenpost in Sütterlin“ – so heißt mein neues Kinderbuch, das bei Hase und Igel erschienen ist. Es richtet sich an Kinder ab 9 Jahren und ist gerade auch als Schullektüre gedacht.

In dem Roman findet Evi, die gerade erst an die Ostsee gezogen ist und ihr altes Zuhause vermisst, eine Flaschenpost aus dem Jahr 1947. Darin schreibt Irmgard in Sütterlin an ihre Freundin Elli, die sie auf der Flucht aus Ostpreußen aus den Augen verloren hat. Gemeinsam mit ihren neuen Freunden Lina und Jonathan spürt Evi die Absenderin der Flaschenpost auf. Nach und nach werden die zwei Biografien – Evis und Irmgards – verwoben.

Die „Flaschenpost“ gab es zunächst als Kurzgeschichte, die im SWR als Klappstuhllesung inszeniert wurde. Das Thema ließ mich jedoch nicht mehr los. Denn die Geschichte von Irmgard beinhaltet ein Stück Familiengeschichte. Auch meine Oma war eine von rund 14 Millionen Deutschen, die Ende 1944 /45 ihre Heimat verlassen musste. Sie kam aus Schlesien.

Geschichte einer Flucht

Also kam mir die Idee, die Geschichte über die damalige Flucht und Vertreibung weiterzurecherchieren und weiterzuschreiben, es kam ganz viel hinzu: weitere Kinder, ein Uropa, viele Ereignisse und viele, viele Seiten, die ich geschrieben habe.

Meine Oma hat, anders als Irmgard in dem Buch, nie etwas erzählt von der Flucht. Sie schien eine Kammer in ihrem Herzen zu haben, in der die Erlebnisse fest verschlossen waren. Diese Kammer wollte sie nicht mehr öffnen. So hat sie ihre Erfahrungen mit ins Grab genommen.

Ein bisschen war es so, als ob ich beim Schreiben auf den Spuren meiner Oma wandelte. Ob es meiner Oma tatsächlich wie Irmgard ergangen ist, werde ich leider nicht mehr erfahren. Ich hätte so viele Fragen an sie, die ich nicht gestellt habe.

Andrea Behnke
Flaschenpost in Sütterlin
Hase und Igel, 2019

Das Titelbild und die Innenillus sind von Petra Dorkenwald.

Mehr zu dem Buch gibt es auf der Verlagsseite.

Foto: Andrea Behnke

25 Jahre Bochum

Fast hätte ich es vergessen: Ich wohne seit 25 Jahren in Bochum. Das ist länger, als ich je in einer anderen Stadt gewohnt habe. Länger als mein halbes Leben – und derzeit sieht es nicht so aus, als ob ich Bochum in naher Zukunft verlasse.

Bochum ist also keine Durchreisestadt für mich, sondern – bei allem zwiegespaltenen Blick – so etwas wie Heimat. Ich bin ein Ruhrgebietskind, ich mag die Mischung aus (Industrie-)Kultur und Natur. Ich mag die Vielfalt, die es hier nicht erst seit ein paar Jahren gibt.

Ich sehe natürlich auch die Probleme, mit denen das Ruhrgebiet samt Bochum nicht erst zu kämpfen hat, seit die letzte Zeche stillgelegt wurde. Ich kann mich immer mal wieder über Politik aufregen …

Doch ich merke auch den kreativen Wind, der hier weht, sehe Menschen, die anpacken. Die sich engagieren. Die ihren Mund aufmachen. Die mehr sind als das Klischee von „wat“ und „dat“, über das ich mich immer wieder ärgere …

Ja, Bochum, ich liebe dich nicht. Aber ich kann dich ganz gut leiden.

Impressum | Datenschutz