Nur-Gefühl

Im Moment habe ich das Nur-Gefühl. Das verfolgt mich schon das gesamte Jahr. Gepaart mit einem „Sieh’s doch positiv“. Manchmal schäme ich mich, wenn sich das Nur-Gefühl nicht sofort einstellen will. Und dann finde ich es durchaus o.k., dass es so ist.

UnwetterAktuelles Beispiel: das Unwetter in Bochum. Der Sturm hat Dachziegel auf mein Auto regnen lassen. Ich habe mir das Auto (gebraucht) erst vor einem halben Jahr gekauft. (Nebenbei: Ich kaufe mir nur höchst selten ein Auto). Habe länger gesucht, um eines in einem Preis-Leistung-Verhältnis zu finden, das mir passt. Und jetzt das. Natürlich ist es nur ein Auto. Alle, die mir das sagen, haben völlig recht. Bei einem solchen Sturm passieren weitaus furchtbarere Sachen, das weiß ich. Und fühle mich sofort schlecht, dass ich mich über das zerbeulte Auto geärgert habe. Ein Auto ist bloß ein Gegenstand – und „Stell dir vor, du hättest in dem Auto gesessen“.

Kann sein, dass das kaputte Auto auch nur ein paar „Nicht schon wieder“-Gedanken hervorgerufen hat, weil erst vor ein paar Wochen mein geliebtes Fahrrad aus dem Keller verschwunden und in meinem Fall nicht versichert war. Nur ein Fahrrad, klar, ich weiß, dass es Schlimmeres gibt: in Bochum, in Deutschland und auf der Welt sowieso.

Das mit dem Fahrrad passierte just, als die Handwerker wochenlang im Haus waren wegen des Wasserschadens. Der uns nicht nur neue Rohre, sondern auch Dreck und Lärm und Ärger bescherte. Aber es war nur die Wohnung – und „sieh’s doch positiv“: Nun ist sogar das Bad neu.

Ich wollte aber kein neues Bad, ich werde auch das Auto reparieren lassen, und auf einen Fahrradkauf habe ich eigentlich gar keine Lust. Das alles nervt mich, und es hat mich auch ein paar Tränen gekostet. Und gleichzeitig habe ich dieses Nur-Gefühl: Anderen geht es schlechter, ich sollte mich schämen, dass ich mir wegen solcher Banalitäten die Laune verderben lasse oder gar frustriert bin.

Braucht man das Nur-Gefühl? Es erdet und setzt Prioritäten. Zeigt, was wirklich wichtig ist. Oder darf man sich auch über – im Vergleich zum echten Elend – Kleinigkeiten ärgern? Ich kenne eine Zeit, da habe ich alles an dem wirklich Schlimmen gemessen. Doch das war keine gute Zeit, sie fühlte sich taub und leblos an. Ich glaube, ein bisschen Nur-Gefühl tut not – aber zu viel davon ist ungesund. Oder?

Foto: Andrea Behnke

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