Mittelmeer

Vater, Mutter und Kind kaufen sich eine Nuss. Eine Nuss, die eigentlich in einem großen Sack gelandet und nach Europa verschifft worden wäre. Nüsschen, damit Menschen vor dem Fernseher etwas zu knabbern haben. Noch nicht einmal so groß wie ein kleiner Finger ist die Nuss, die der Vater knackt. Gerade als er die Nuss dritteln möchte, als Stärkung, reißt ein Mann sie ihm aus der Hand.
„Nein“, sagt der Mann. „Gekauft ist nur die Schale.“ Und fügt hinzu: „Die halbe.“
„Ich habe gezahlt“, sagt Vater. „Viel.“
„Nicht genug“, sagt der Mann, steckt sich die Nuss in den Mund und schmatzt laut.

Also steigen Vater, Mutter, Kind mit leerem Magen in die Nussschale. Sie machen sich noch kleiner, als sie sind. Oma und Opa und Tante und Onkel stehen am Ufer. Für sie ist kein Platz. Sie weinen. Ihre Tränen lassen das Meer steigen und steigen.

Das Kind hält sich die Ohren zu, um das Wimmern der Oma nicht zu hören. Vater wischt sich die Augen trocken und fängt an zu rudern. Das Rudern ist anstrengend. Erst rudert Vater, dann rudert Mutter. Und dann rudert das Kind.

Irgendwann sehen sie ein Land. Die drei paddeln gemeinsam, mit den Händen. Immer schneller. Doch plötzlich fängt die Nussschale an zu wackeln, erst leicht, dann immer stärker. So stark, dass Wasser ins Innere läuft. Die Nussschale, die teure halbe, verschwindet. Mutter schreit, Vater schreit, Kind schreit. Vater ist längst zu schwach zum Schwimmen, Mutter hat nie schwimmen gelernt. Das Kind ruft: „Help! Help!“ Seine Arme sind kleine Striche am Horizont.

Am Strand sind Menschen in Bikinis und Badehosen. Sie gehen ins Wasser. Es ist sehr heiß heute.

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