Bonhoeffer und Kinderfragen

 

„Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Diese Verse hat Dietrich Bonhoeffer 1944 als KZ-Gefangener an seine Verlobte geschickt. Voller Hoffnung.

In der Schule lernt das Kind dieses Lied „Von guten Mächten“. Die Lehrerin erzählt auch ein wenig vom Leben des Theologen, der im Zweiten Weltkrieg als Widerständler im KZ getötet wurde. Das Kind sagt mir immer wieder, dass aus den Duschen, damals, kein Wasser kam, sondern Gas.

Es ist aufgewühlt. Und fragt mich nach meinen Großeltern.

„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.“

Im April 1945 wurde Bonhoeffer hingerichtet.

Meine Großeltern waren zu Beginn des Krieges noch jung, unter 20. Mein Opa wurde einberufen, erlitt als Soldat eine Kriegsverletzung. Was meine Oma zu der Zeit machte, weiß ich nicht. Sie wollte später nie über den Krieg reden. Nur dass ihr Bruder in Russland verschollen war und sie bis zu ihrem Tod glaubte, dass er noch lebte, hatte sie immer und immer wieder berichtet. Und ich weiß, dass meine Großeltern aus Schlesien geflohen sind.

Mein Urgroßvater, den ich auch noch kennengelernt habe, war schon älter, als Hitler an die Macht kam. Auch von ihm habe ich nie etwas erfahren. Vielleicht hätte ich ihn einfach mehr fragen sollen, damals, mit zehn Jahren. So wie mein Kind heute.

Ich bin mir sicher, dass meine Familie nicht im Widerstand war. Für mein Kind ist das unvorstellbar. „Warum gehörte Dietrich Bonhoeffer zu den Guten? Und warum waren deine Oma und dein Opa so böse?“, fragt das Kind. Ich weiß keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich nicht lügen kann. Ich kann nicht sagen, dass meine Großeltern und ihre Eltern nichts von den Massenmorden gewusst haben. Vielleicht hatten sie Angst. Aber das entschuldigt nichts.

Was für ein komisches Gefühl, dem Kind sagen zu müssen: Meine Familie hat sich nicht gewehrt.

Foto: Andrea Behnke

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