53 Wochen

Foto: Andrea Behnke
Foto: Andrea Behnke

Das Projekt 53: Es ist vollbracht. Von Anfang Januar bis Ende Dezember habe ich tatsächlich jede Woche ein Schwarz-Weiß-Foto und eine Miniatur gepostet. Mal waren es wirklich nur ganz kurze Schnipsel, mal waren es etwas längere Geschichtchen. 53 kleine Häppchen zum Lesen und Gucken. Weiterlesen >>>

O Tannenbaum

Früher, zu Hause, da hatten sie immer einen kleinen Tannenbaum. Einen sehr kleinen sogar. Einen mit Ballen, damit man ihn nach den Feiertagen im Garten einpflanzen konnte. Dort hatte sich über die Jahre ein Nadelwald angesammelt. Ein abgehackter Baum, der nach ein paar Tagen rieselt und nach Weihnachten weggeworfen wird, wäre dem Vater nicht ins Haus gekommen. Geldverschwendung.

Bei Oma und Opa rieselte nichts. Denn da wurde jedes Jahr kurz vor Heilig Abend der Plastikbaum aufgeklappt. Das Mädchen fand ihn wunderbar. Mit Lametta und bunten Lichtern, die blinkten. Wenn der Vater sie davor knipste, dann spiegelte sich das Blitzlicht in den unechten, schimmernden Nadeln.

Irgendwann war der Opa nicht mehr da, und der Aufklappbaum blieb im Keller. Es war, als hätte Opa Weihnachten mitgenommen. Zu Hause war der Garten längst voll mit Tannen. Da gab es drinnen im Advent nur noch ein paar Zweige, an die gerade einmal eine Handvoll Strohsterne passten.

Und jetzt steht sie in ihrem Wohnzimmer. Der Baum reicht bis zur Decke. Der abgesägte Stamm steckt im Ständer. Sie muss auf einen Stuhl steigen, um den Stern an die Spitze zu stecken. Von oben schaut sie direkt in die glänzenden Augen des kleinen Jungen, der ihr noch eine Glitzerkugel reicht.

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