Kladde

Unis mögen “Denglisch”?

Kerstin Hoffmann – im Netz ebenso bekannt als PR-Doktor – hat in ihrem Blog zu einer tollen Aktion samt Blogparade aufgerufen. Sie hat 2012 zum „Jahr der ungewöhnlichen Formulierung“ ernannt – und in vielen Blogs erscheinen nun entsprechende Artikel. Auch ich mache gerne mit!

Just, als ich ihre Ankündigung in meinem Netzwerk Textreff las, stolperte ich mal wieder über eine wunderbare Überschrift einer Pressemitteilung: Darin wirbt die Universität Hohenheim für ihre „Real Life Schüler-Uni“. Was sich dahinter verbirgt? Fragte ich mich auch. Tja, letztlich ging es um nichts anderes als einen Schnuppertag im Vorlesesaal. Warum dann „Real Life Schüler-Uni“? Gibt es noch eine andere Uni als eine „im echten Leben“? Vielleicht eine in der Phantasie?

Mir scheint, dass immer mehr Hochschulen glauben, nur mit englischen Begriffen könne man Schülerinnen und Schüler auf den Campus locken. Da gibt es den „Summer of Science an der Uni Stuttgart“ oder als winterliche Variante die „MINT Winter School an der RWTH Aachen“ sowie die Kinderuni mit „Science Camp“ an der Uni Halle-Wittenberg. Die TU Berlin fordert Frauen auf, in Naturwissenschaften und Technik zu schnuppern: „Try it!“ Oder – noch besser: Die Uni Lübeck ruft gar „Women Wildly Wanted“, die FH Erfurt fordert „Taste MINT“ und die Uni Saarland „Rent a Prof“.

Einmal grundsätzlich: Was soll eine Überschrift einer Presseinfo? Sie soll neugierig machen, klar. Aber: Sie soll auch nicht verwirren. Sie soll den Inhalt der Pressemittelung auf den Punkt bringen. Tun das die genannten Beispiele? Was können sich Eltern und Kinder/Jugendliche unter „Coast Line Camp(us)“ (Hochschule Bremerhaven) oder unter „OpenUniverCity“ (Hochschule Halle-Wittenberg) vorstellen? Nicht viel, oder? Allenfalls das Falsche …

Gerade, wenn es um Angebote für Schülerinnen und Schüler geht, wollen viele Universitäten locker daherkommen. Und setzen auf englische Begriffe. Weil Englisch so – um im Englischen zu bleiben – „cool“ klingt? Und weil das die Sprache „der Jugend“ ist?

Ob sich Schülerinnen und Schüler tatsächlich auf dem Schulhof so unterhalten: „Hey, walken wir durch die OpenUniverCity? Oder driven wir lieber nach Lübeck, da sind wir wildely wanted!“ I don’t believe it. Oder besser: Ich glaube kaum.

11 Kommentare

  1. Ambros sagt:

    Leider beschränkt sich dieser Irrsinn nicht nur auf Unis, wie jeder aus dem Alltag weiß.
    Das dumme Argument von “weltoffen” oder “Sprache ändert sich” ist als Totschlagargument gängig, aber weder richtig noch passend – oder gar durchdacht.
    Sie stellen richtigerweise fest, daß – entgegen wieder einer falschen Behauptung – das Kauderwelsch eben keine “Jugendsprache” ist. Und wenn, dann, weil sie ihnen von den Erwachsenen, die nun als “Erzieher” Vorbilder sind, vorgegeben wird. Was der Jugendliche von Erwachsenen vorgesetzt bekommt, übernimmt er. So ist das Leben.

    So erhöht man jedoch die Akzeptanz des Kauderwelsch, indem man die nächste Generation daran gewöhnt. Und sich dann auf deren Sprachgebrauch beruft…. usw. usf.
    Daß diese Generation oft keinen geraden Satz hervorbringt und in Rechtschreibung Schreckliches leistet, ist absehbar.

    Leider werden Sprachfreunde, die ihre Muttersprache als selbstverständliches Kulturgut erhalten wollen, häufig als altmodisch, uncool und “deutschtümelnd,” gelegentlich sogar als “rechts” diffamiert. Solange das unwidersprochen geschehen kann, wird sich die beschriebene Entwicklung fortsetzen.

    • Andrea B. sagt:

      Danke für Ihre Meinung. Ich möchte nur zwei Dinge nicht unwidersprochen stehen lassen: “Dass diese Generation oft keinen geraden Satz hervorbringt …” – nein, das ist nicht meine Wahrnehmung. Ich habe viel mit Jugendlichen zu tun – da gibt es, wie früher schon, “solche und solche”. Ich glaube auch nicht, dass etwaige Rechtschreibschwierigkeiten, die Sie prophezeien, durch Anglizismen hervorgerufen werden. Ich würde es auch nicht als “Irrsinn” bezeichnen wollen. Sprache verändert sich in der Tat – ich sage auch Laptop und nicht “tragbarer Rechner” und Handy statt “Mobiltelefon”. Dass Anglizismen längst (legitimer) Bestandteil unserer Sprache sind, ist für mich nicht wegzudiskutieren. Das wollte ich auch nicht infrage stellen. Nur fand ich es hier eben auffallend, dass “Denglisch” (was in den beschriebenen Fällen nicht für Klarheit, sondern manchmal eher für Unklarheit sorgt) als Lockmittel für Jugendliche verstanden oder missverstanden wird. Es ging mir um die konkreten Beispiele – nicht um mehr und nicht um weniger.

      • Ambros sagt:

        Ich habe nicht behauptet, daß – oder nur – die Anglizismen eine von mir sehr wohl beobachtete Sprachverschlechterung hervorrufen. Aber auch!
        Und wenn Sie “Handy” (gibt es bekanntlich im Englischen nicht) sagen, sei es Ihnen zwar unbenommen, ist dennoch nicht anzustreben.
        Und Sprachveränderung bedeutet nicht wie selbstverständlich Übernahme von Anglizismen.
        Das wollte ich nicht unwidersprochen stehen lassen :-)

  2. Sprachwachtel sagt:

    Dass ausgerechnet die Universität Hohenheim für einen Schnuppertag mit “Real Life Schüler-Uni” wirbt, lässt mich ratlos zurück.

    Noch im Oktober 2011 hatte sich die Uni im Informationsdienst Wissenschaft damit gebrüstet, im Rahmen des Projekts “Klartext” schwer verständliches Uni-Welsch und überflüssige englische Lehnwörter mit der Software “TextLab” auf ein Minimum zu reduzieren: http://idw-online.de/pages/de/news446593

    Ist die Halbwertzeit von “Klartext” wirklich so kurz?

  3. Witzig, eben erst gesehen, aber gestern habe ich bei Treffpunkt Twitter auch über Denglisch geschrieben, wenn auch im Zusammenhang mit Facebook: http://treffpunkt-twitter.writingwoman.de/index.php/twitterblog/blogging/facebook-und-denglisch-fuer-anfaenger/
    Und wie die anderen auch schon sagten, Denglisch findet sich überall. Und ich ertappe mich auch immer häufiger dabei, dass ich lieber auf Englisch schreiben würde, weil es dort ganz häufig kurze, treffendere Formulierungen gibt, für die wir drei Sätze brauchen. Ich lese sehr viele englische Texte, da fällt mir das natürlich besonders auf.
    Doch, ja, wohldosiert mag ich Angizismen :-) Und so lange man beides hinkriegt, sehe ich auch noch gar nicht so schwarz.
    Liebe Grüße
    Petra

    • Andrea B. sagt:

      Bei dem “wohldosiert” schließe ich mich sofort an. Was mir nur nicht gefällt, sind englische Wortschöpfungen, die eben überhaupt nicht kurz oder geschweige denn treffend sind. Und das fiel mir eben gerade bei den zitierten Hochschulangeboten auf. In der Alltagssprache hat Englisch längst seinen Platz gefunden, und das ist auch o.k. (sagt eine, die auch mal Anglistik studiert hat ;-)

      • Sprachwachtel sagt:

        The trouble is: Es wird immer ‘wohldosierter’. :-) Konnte man bis zu den 1980er Jahren die englischen Zuwanderer noch zu Hunderten zählen, so ist die Zahl der Anglizismen im Deutschen in wenigen Jahrzehnten auf 7-8000 emporgeschnellt.

        Das geht weit über den natürlichen Sprachwandel hinaus, den es in allen europäischen Sprachen immer gegeben hat. Das sind für meinen Geschmack zu viele in zu kurzer Zeit – und ist alles andere als wohldosiert. Deutschland hat zwar den Titel des Exportweltmeisters an China abgeben müssen, als Importweltmeister englischen Sprachguts ist es nach wie vor die Nummer eins.

  4. Mich nerven v.a. die Worte, die hier Einzug gehalten haben, obwohl sie überhaupt kein echtes Englisch sind. Mein Lieblings-Hasswort:
    BASECAP
    Grundkappe, aha. In USA spricht man von Baseballcaps (jedenfalls damals, als ich da war), und das ergibt auch einen Sinn :-)

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