Projekt 53

Projekt 53
… und so verging ein Jahr
2015 habe ich jede Woche ein s/w-Foto und eine Miniatur gepostet.
Über 100 Fundstücke, die vielleicht auch 2016 noch Spaß machen.

Neujahr

besser
oder schlechter
oder gleich
oder besser
gleich einzigartig

O Tannenbaum

Früher, zu Hause, da hatten sie immer einen kleinen Tannenbaum. Einen sehr kleinen sogar. Einen mit Ballen, damit man ihn nach den Feiertagen im Garten einpflanzen konnte. Dort hatte sich über die Jahre ein Nadelwald angesammelt. Ein abgehackter Baum, der nach ein paar Tagen rieselt und nach Weihnachten weggeworfen wird, wäre dem Vater nicht ins Haus gekommen. Geldverschwendung.

Bei Oma und Opa rieselte nichts. Denn da wurde jedes Jahr kurz vor Heilig Abend der Plastikbaum aufgeklappt. Das Mädchen fand ihn wunderbar. Mit Lametta und bunten Lichtern, die blinkten. Wenn der Vater sie davor knipste, dann spiegelte sich das Blitzlicht in den unechten, schimmernden Nadeln.

Irgendwann war der Opa nicht mehr da, und der Aufklappbaum blieb im Keller. Es war, als hätte Opa Weihnachten mitgenommen. Zu Hause war der Garten längst voll mit Tannen. Da gab es drinnen im Advent nur noch ein paar Zweige, an die gerade einmal eine Handvoll Strohsterne passten.

Und jetzt steht sie in ihrem Wohnzimmer. Der Baum reicht bis zur Decke. Der abgesägte Stamm steckt im Ständer. Sie muss auf einen Stuhl steigen, um den Stern an die Spitze zu stecken. Von oben schaut sie direkt in die glänzenden Augen des kleinen Jungen, der ihr noch eine Glitzerkugel reicht.

Minigolf

„Jetzt geh’ doch rein“
„Der geht nicht rein.“
„Und ob der rein geht!“
„Du musst doch nicht immer gewinnen!“
„Nur kein Neid – Ehre, wem Ehre gebührt.“
„Du bist richtig eklig, so von dir eingenommen…“
„Nur weil du so unsportlich bist!“
„Ich und unsportlich – dass ich nicht lache! Wer macht denn schon nach einer Runde Joggen schlapp!“
„Erzähl’ keinen Quatsch – ich laufe dir meilenweit davon. Außerdem: Lenk nicht ab, meine Liebe. Jetzt geht’s nicht um Joggen, sondern um Minigolf. Und da bin ich eindeutig besser.“
„Besser, besser… So bist du. Willst immer besser sein. Du gönnst mir gar nichts.“
„Wie kommst du denn jetzt da drauf! Dass ihr Frauen immer gleich alles verallgemeinern müsst.“
„Beim Minigolfen zeigt sich eben der wahre Charakter.“
„Warum bist du dann überhaupt mit mir zusammen?“

Ohne dass die beiden es merken, ist ein leichter Wind aufgekommen. Und – plöpp – da war der Golfball im Loch.

Orange

Sie roch an ihren Fingern. Weihnachten. Ihre Finger rochen nach Weihnachten.
Genüsslich steckte sie einen Halbmond nach dem anderen in den Mund und schob die Schalen auf einen Haufen.
Gleich würde es schellen. Gleich würden sie kommen.
Sie nahm die Schalen und warf sie in den Müll.
Dann ging sie ins Bad und wusch sich die Hände. Mit Aqua-Blue-Seife.
Als sie die Tür öffnete, hatte sie noch den Geschmack von Mandarinen im Mund.

Auslauf

Fettes Rückenklopfen
Brüllen von Bravo
für die Besten
Stimmgebelle
Ein Miau auf die Macher
Sekt-Fütterung
Prost-Gezwitscher
bevor der Knecht
den Käfig
schließt.

Der Schirm

Jeden Tag kommt die Frau dem Mädchen entgegen.
Mit einem Regenschirm.
Wenn die Sonne scheint.
Wenn es regnet.
Und wenn gar kein Wetter ist.
Die Leute sagen: „Die Frau ist verrückt.“
Das Mädchen denkt, dass die Frau auf die Herbststürme wartet.
Um als Mary Poppins Mama endlich abzuheben.

Sprachlos

Worte fehlen
werden gesucht
wirbeln durcheinander
schießen raus
werden wieder verschluckt
neu ausgespuckt
und treffen nicht

Der letzte Tanz

Schneewalzer. Im Sommer. Schnee-Schnee-Schnee-Schnee-Walzer. Im Winter. Ich hasse Volksmusik. Tanzen wir. Sie hat auch immer getanzt. Ich mit dir, du mit mir. Ohne sie. Immer.

Übermorgen

Wenn du einmal alt bist
Willst du dann selbst entscheiden
Oder willst du ewig weiterleiden
Leben verlängern
Und dich fragen
Was heißt das, Leben
Wer kann das sagen
Wenn du einmal alt bist
Und nicht mehr reden kannst
Zumindest nicht so
Wie du willst
Abschied fällt immer schwer
Doch vielleicht
Hast du schon viel eher tschüss gesagt
Und nur nicht den letzten Schritt gewagt
Wenn du einmal alt bist
Willst du bleiben oder gehen
Wirst du dann irgendwas noch verstehen
Wirst du im Gestern oder im Heute sein
Bist du unter Menschen
Oder ganz allein
Laufen oder liegen
Hassen oder Lieben
Was wirst du tun
Wenn du einmal alt bist.

Laub

Das letzte braune Blatt will nicht fallen, will nicht gefegt werden, will nicht allein unter vielen in einem Container landen. Mit seinem dünnen Finger klammert es sich fest an den Zweig. Der Wind bläst, doch das Blatt ist stärker. Wer genau hinschaut, sieht noch ein wenig Blut pulsieren. Dann ziehen sich die Adern des Blattes zusammen, schließlich Starre. Die Kraft des Fingers lässt nach. Erst voller Muskelspannung, entspannt das Blatt mehr und mehr, bis es kraftlos vom Ast lässt, den Weg frei macht für den Flug durch die Luft.

Chanson

„Kennste den noch?“, fragt er sie. „Sitzt ein Regenwurm auf der Wiese. Singt ‚Chan-son-d‘-a-mououour …‘. Kommt der Rasenmäher und singt ‚Radadadada‘.“

Sie guckt ihn an. „Ich bin kein Wurm“, meint sie.
Er nimmt sie in den Arm und sie summen vor sich hin.

Damals

Uns geht es gut.
Hat sie gesagt.
Erzählt hat sie nichts.
Nichts davon, wie es damals war.
Uns geht es gut.
Mittags hat sie immer Fleisch gebraten.
Mit Sauce serviert.
Einmal hat sie das Braun
An etwas erinnert.
Gelber Sprudel hat die Gedanken weggespült
Zum Nachtisch Nachkriegspudding.
Süß.
Uns geht es gut.
Im Fernsehen kommt das erste Mal
„Einer wird gewinnen“.

Ausgeschwommen

Duschenlöscher
Vasentrinker
Entenquetscher
Pfützenspringer
Regenfänger
Leitungsträger
Tropfenlutscher
Tränendrücker

Sie spuckt
das Meer
auf seine Flossen
Mit Schwimmflügeln
schwebt sie
an Land

Der Einkauf – Hausflurgespräche (5)

A: Weißwein. Ja auf jeden Fall. Ein guter Branca könnte passen. Und Fisch.
Vielleicht Lachs. Oder worauf hast du Lust?

B: Kauf lieber Fleisch. Huhn.

A: Dann eben Lamm. Filet. Und natürlich doch kein Branca. Besser rot.
Ein echter Merlot. Reis, Granatäpfel für die Soße, Knoblauch, Petersilie.
Und sonst?

B: Vielleicht …

A: Genau. Sahne und Zucker und Himbeeren. Fürs Parfait. Noch was?

B: Gummibärchen.

Das Spiel – Hausflurgespräche (4)

A: Sie haben wieder gespielt.

B: Es hat geregnet.

A: Sie spielen oft im Regen.

B: Draußen? Im Regen?

A: Lass uns rutschen gehen, sagte der Junge zu dem Mädchen. Sie
schwammen …

B: … inzwischen ohne Schwimmflügel sogar …

A: … durch die Regenrinne.

B: Welch ein Spaß.

Die Krankheit – Hausflurgespräche (3)

A: Sie soll einen Kunibald haben. Einen ausgewachsenen.

B: Aber sie sieht so gesund aus.

A: Das gehört zum Krankheitsbild, sagte der Arzt.

B: Sie wird es nicht verstehen.

A: So fängt es an.

B: Doch es geht ihr so gut.

A: Das ist das Schlimmste.

B: Was hat der Arzt gemacht?

A: Ein paar Nägel in die Wand geschlagen.

Der Knopf – Hausflurgespräche (2)

A: Ich kochte Suppe.

B: Wie so oft.

A: Der Knopf an meiner Jacke bewegte sich, erst ganz sanft, dann
immer stärker.

B: Es duftete. Nach Erbsensuppe. Die Sie gerade kochten.

A: Er schnüffelte. Die Knopflöcher wurden mal größer, mal kleiner.

B: Wie Nasenlöcher bei einem Trüffelschwein.

A: Gierig roch der Knopf, sog den Geruch der Bockwürste ein, die in der Suppe schwammen, fast verbrannte er sich an dem heißen Dampf. Die Fäden, mit denen der Knopf angenäht war, waren zum Bersten gespannt. Ich hörte eine Stimme.

B: Sie hörten eine Stimme …

A: Gib mir einen Mund, sagte sie. … Aber es war wohl nur die Frau im
Radio.

(Pause)

B: Ihnen fehlt da ein Knopf an der Jacke.

Der Mann – Hausflurgespräche (1)

A: Der Mann, den sie heiraten wollte, war etwas kleiner als sie.

B: Er ging ihr bis zur Nasenspitze, so ungefähr.

A: Vielleicht auch bis zu den Augenringen oder bis zum unteren Wimpernrand.

B: Sagen wir mal, so groß wie ein Stuhl wird er schon gewesen sein.

A: Sie fand ihn großartig.

B: Er brauchte sich kaum zu bücken, um unter den Tisch zu kriechen, wenn ihr ein Stück Brot herunter gefallen war.

A: Oder war es doch nur ein Krümel?

B: Selbst dann konnte er aufrecht gehen, was ihr gut gefiel.

A: Ein aufrechter Mann voller Größe.

B: Sie liebte es, wenn sie ihn in ihre Hosentasche steckte und mit ihm in der Steckdose verschwand.

ENDE

Wetterumschwung

Regen. Eisiger Wind kriecht unter seinen dünnen Anorak. Und das kurz vor der Mittelmeerküste. Eine Fußgängerzone wie jede andere auch. Grau und trist. Einige hektische Menschen mit Regenschirmen. Lustlos stapft er weiter, in Sandalen durch Pfützen. Rings um ihn Häuser, die längst gestorben scheinen. Tote Geschäfte.

Er setzt die Kapuze ab, der Regen lässt nach. Nur noch ein paar Tropfen bleiben in seinen Haaren hängen und laufen ihm ins Gesicht.

Mechanisch geht er um die nächste Ecke und bleibt jäh stehen. Überwältigt, nahezu gebremst, geblendet. Ein riesiges Opernhaus fängt seinen Blick, daneben ein Jugendstil-Rathaus, dahinter türmt ein prunkvolles Schloss. Es prasselt auf ihn ein wie ein Feuerwerk. Leuchtende Farben, rosa, blau. Das strahlende Panorama fräst sich in seinen Magen. Er vermisst sie, unvermittelt und ohne Vorwarnung.

Neben der Straße fließt eine Gracht, an der sich wie an einer Perlenschnur kleine Cafés und Kneipen aufreihen. Kellner wischen Holztische und Stühle trocken, Straßenmusiker packen ihre Gitarren aus. Gegenüber winken bunte Häuser, abgeblätterte Fassaden mit knalligen Graffitis übersprüht. Schäbige Häuserfronten, einfach übermalt. Er setzt sich direkt ans Wasser.

Da kommt die Sonne raus. Er muss sie unbedingt anrufen, jetzt. Es ist doch Sommer, unweit des Mittelmeers.

Oma

Schlesinger Wurst in der Pfanne
Kreppel im Topf
Schmandkuchen auf dem Blech

Der Geschmack von Heimat im Mund
Während die Erinnerungen im Hals steckenbleiben

Mittelmeer

Vater, Mutter und Kind kaufen sich eine Nuss. Eine Nuss, die eigentlich in einem großen Sack gelandet und nach Europa verschifft worden wäre. Nüsschen, damit Menschen vor dem Fernseher etwas zu knabbern haben. Noch nicht einmal so groß wie ein kleiner Finger ist die Nuss, die der Vater knackt. Gerade als er die Nuss dritteln möchte, als Stärkung, reißt ein Mann sie ihm aus der Hand.
„Nein“, sagt der Mann. „Gekauft ist nur die Schale.“ Und fügt hinzu: „Die halbe.“
„Ich habe gezahlt“, sagt Vater. „Viel.“
„Nicht genug“, sagt der Mann, steckt sich die Nuss in den Mund und schmatzt laut.

Also steigen Vater, Mutter, Kind mit leerem Magen in die Nussschale. Sie machen sich noch kleiner, als sie sind. Oma und Opa und Tante und Onkel stehen am Ufer. Für sie ist kein Platz. Sie weinen. Ihre Tränen lassen das Meer steigen und steigen.

Das Kind hält sich die Ohren zu, um das Wimmern der Oma nicht zu hören. Vater wischt sich die Augen trocken und fängt an zu rudern. Das Rudern ist anstrengend. Erst rudert Vater, dann rudert Mutter. Und dann rudert das Kind.

Irgendwann sehen sie ein Land. Die drei paddeln gemeinsam, mit den Händen. Immer schneller. Doch plötzlich fängt die Nussschale an zu wackeln, erst leicht, dann immer stärker. So stark, dass Wasser ins Innere läuft. Die Nussschale, die teure halbe, verschwindet. Mutter schreit, Vater schreit, Kind schreit. Vater ist längst zu schwach zum Schwimmen, Mutter hat nie schwimmen gelernt. Das Kind ruft: „Help! Help!“ Seine Arme sind kleine Striche am Horizont.

Am Strand sind Menschen in Bikinis und Badehosen. Sie gehen ins Wasser. Es ist sehr heiß heute.

Zugfahrt

Landschaften ziehen vorbei
in grünen Streifen.
Fliegende Bäume
verweben sich
mit grauen Fassaden,
die der Zug mit auf die Reise nimmt.

Nordsee

Sand zwischen den Zehen
scheuert wie Schmiergelpapier
Raue Haut
Salz, das brennt
Salzkrustenfüße
glitzern in der Sonne

Im Wald

Immer, wenn er sie sah, versteckte er sich hinter einem Baum. Er verschwand, natürlich nicht ganz, nur gerade so weit, dass sie ihn nicht sehen konnte, er sie aber wohl. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie durch den Wald lief und ihn suchte.

In einem rosa Kleid, das ihn ein bisschen an eine Elfe erinnerte. Fast schien es, als hätten ihre Füße jegliche Bodenhaftung verloren. Sie schwebte durch den Wald, von Baum zu Baum, getragen von einem Lufthauch.

Als sie an seinem Baum landen wollte, war er froh um seinen dunklen Anzurg, der ihn fast eins werden ließ mit dem dunklen Abendlaub. So blieb er unerkannt, bevor sie ihre Flügel um ihn legen konnte.

Neue Frisur

Gut fühlte sie sich. Nach dem Friseur fühlte sie sich oft gut. Heute hatte sie frische Farbe haben wollen. Das hatte sie spontan beschlossen, als sie im Badezimmerspiegel ihr erstes graues Haar entdeckt hatte.

Sie strich sich über den Kopf. Ihre Hände glänzten. „So eine Frisur braucht einfach ein bisschen Gel“, hatte Julian gesagt. Julian schnitt einfach am besten. Ehe sie sich versehen hatte, war schon einen Klecks Gel auf ihrem Kopf gelandet, und Julian knetete die Haare nach rechts und links und rubbelte sie ein wenig zwischen den Fingern.

Sie mochte kein Gel. Zu Hause würde sie sich sofort die Haate durchwaschen und an der Luft trocknen lassen. Eigentlich eine Geldverschwendung. Sich erst Gel ins Haar massieren zu lassen, um es daheim im Abfluss verschwinden zu lassen.

Ein leichter Windhauch kam ihr entgegen. Bis vorhin wären ihre Haare nach hinten geweht. Unwillkürlich musste sie an diese Werbung denken. 10 Uhr, die Frisur sitzt. Dieser Kurzhaarschnitt würde jetzt immer sitzen.

Mit einem Lächeln im Gesicht schloss sie auf. Er war da und guckte ihr aus der Küche entgegen. „Du siehst aus wie ein Streichholz.“ Er lachte kurz auf. Sie ging an ihm vorbei, raus auf die Terrasse und steckte sich eine Zigarette an.

Ausgerannt

Sie hörte erst auf zu rennen, als sie umknickte.
Umknickte und sich die Bänder dehnte, anriss, abriss.
Sie baumelte an einem Band. Schaukelte hin und her.
Bis sie sich hinsetzte, hinlegte, einschlief.
Und am Morgen wieder aufstand
und den Fuß zaghaft in die Sonne streckte.

Die Riesin

Als sie in die Stadt kam, nach vielen, vielen Jahren,
da waren die Straße klein wie eine Carrera-Bahn.
Die Bäume waren nicht größer als Topfpflanzen.
Und das Zuhause war winziger als eine Puppenstube.
Als sie aus der Stadt fuhr, nach wenigen Minuten,
war sie eine Riesin.

Die Demo

Es war wieder eine seiner verrückten Ideen gewesen.
„Wir stellen uns einfach auf den Marktplatz und küssen uns“, sagte er.
Ich küsste ihn gerne. Aber doch nicht mitten auf dem Marktplatz.
„Das ist eine Art Demonstration“, sagte er. „Wir müssen ein Zeichen setzen.“ Dann setzte er zu einem Vortrag an, dass man sich nicht verstecken dürfe und so weiter, und eigentlich liebte ich ihn dafür.
Als wir so dastanden, wie eine Skulptur mitten auf dem Marktplatz, und er mich theatralisch in den Arm nahm und mir einen Zungenkuss gab, hielten tatsächlich sofort die Ersten an. Ihr Tuscheln drang wie Fliegen in meinen Gehörgang. Am liebsten hätte ich meine Augen geschlossen und meine Ohren zugehalten, nichts sehen, nichts hören, affengleich.
Aber es gelang mir nicht. Und so bekam ich mit, wie immer mehr Menschen verharrten. Sie zeigten auf uns, „Schwuchteln in unserem Dorf“, und schüttelten den Kopf.
Inzwischen fragte ich mich, wer gegen wen demonstrierte. Es wurden immer mehr, die uns anstarrten, mit Blicken so stark, dass sie mich an die nächste Hauswand drängten. Ich bekam keine Luft mehr, von den Blicken oder von seinen Küssen, ich weiß es nicht.
„Lass uns gehen“, flüsterte ich ihm zu.
„Jetzt erst recht“, sagte er.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich zwei Männer, mit großen Sonnenhüten und Sonnenbrillen. Ganz kurz steckten sie ihre Köpfe zusammen, bevor sie in der Menge ertranken.

Schaumschlag

Die Turmuhr schlug zehn. Sie zählte genau mit.
Der zehnte Schlag läutete die Stunde des Schaumschlägers ein.
Wieder würde er in ihr Bad kommen und das Schaumbad so lange rütteln,
bis die summenden Seifenblasen im Dunkeln der Nacht veschwinden.

Das Liebespaar

Frau Butterweich und Herr Aalglatt liebten sich sehr. Doch umarmen konnten sie sich leider nicht. Kaum schlang Herr Allglatt seine Arme um Frau Butterweich, entglitt sie ihm umgehend. Wollte sie ihn küssen, rollte ihr Kuss sein Gesicht hinunter und klatschte fettig auf den Asphalt.

Sie wurden nicht müde, es immer und immer wieder zu versuchen.
Ohne Erfolg.

Eines Tages wurde Herr Aalglatt ganz stürmisch. Er stürzte auf die geliebte Butterweich – und platsch, landeten beide auf dem Boden.

Bevor sie sich aufrappeln konnten, waren die ersten Passanten schon ausgerutscht.

Durchsichtig

Er stand da und schaute in die Luft.
Als sie kam, blickte er durch sie hindurch.
Sie blieb stehen, und er ging weiter.

Sommerfrische

Mitten im Mai fror sie. Ihr war so kalt, dass sie den dicken Winteranorak aus dem Keller holte, obwohl sie ihn schon gewaschen hatte.

Warum sie den Anorak gewaschen hatte, nur um ihn anschließend in den Keller zu legen, wusste sie auch nicht. Denn im Winter, wenn sie ihn wieder hochholen würde, würde sie ihn erneut in die Waschmaschine stecken, da er schließlich den ganzen Sommer im Keller gelegen haben würde.

Doch jetzt war sie froh darüber. Der Anorak roch nach Frühling. Sie vergrub ihre Nase im Ärmel, Sommerfrische, manchmal hat die Werbung doch recht. Sommerfrische an einem kalten Tag im Mai.

Heimat

Der schwere Teppich hing über der Stange. Ein Hauch von Orient im Hinterhof.

Sie schloss die Augen und stellte sich einen Palast vor, in dem der Teppich lag. Es duftete süßlich, sie sog den Geruch ein. Hell war es und warm. Die Farben leuchteten in der sonnendurchfluteten Halle.

Als sie den Teppich ausklopfte, schneite es Staubflocken. Da musste sie laut niesen.

Bilder

Nachdem sie sich die Fotos von früher angesehen hatte,
vermied sie es lange Zeit,
in den Spiegel zu schauen.

Drache

„Haste mal Streichhölzer?“, fragte er sie. Streichhölzer, dachte sie, wer nimmt heute noch Streichhözer. Sie griff in ihre Handtasche und holte ihr Feuerzeug hervor. Ein silbernes mit einem eingravierten M. Sie hielt ihm die Flamme hin. Er jedoch griff nach dem Feuerzeug und zündete erneut. „Heißte was mit M?“, fragte er und knibbelte mit dem Daumennagel an der Gravur. Dann nahm er einen tiefen Zug aus der Zigarette. Der Rauch quoll aus seiner Nase. Auf Lunge – sie selbst paffte eher, als dass sie rauchte. Seine Nasenlöcher wurden so groß, dass sie an einen Drachen denken musste. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück, als könnte er gleich Feuer speien.

Café, draußen

Systemkritik am Nebentisch
Mädchengespräche mit Selbstgedrehten
Spätes Frühstück
Oder frühes Süppchen
Verlängerte Nächte
Lange Tage
Alles unter einem Sonnenschirm
Bedacht und abgeschirmt
Mit dem Blick auf Tauben,
die Krumen picken vom Beton

Stolperfalle

Den Teppich heben.
Alles darunter kehren.
Darüber laufen.
Hinfallen.

Zigarette

„Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“
Was für ein dämliches Sprichwort, findet Roswitha. Sie ist kein Baum. Längst hat sie an Bodenhaftung verloren. Man kann sie überall hinschieben. Denken die anderen.
Doch Roswitha will nicht weg.
Sie liebt die vergilbten Tapeten im Wohnzimmer. Keine einzige Zigarette, deren Rauch noch in den Gardinen hängt, bereut sie. Jede verdammte Zigarette würde sie noch einmal rauchen. Vielleicht sogar sonntags, vor den Kindern am Kaffeetisch.
„Was guckt ihr so?“, würde sie fragen und ihnen direkt in ihre verständnislosen Augen gucken. „Ich rauche. Und wisst ihr was? Es schmeckt mir.“
Roswitha ist so, als wenn in diesem Raum ihr halbes Leben steckt. Jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag. Ganz tief atmet sie ein, so, als könne sie ihr gelebtes Leben einatmen und woanders wieder ausspucken. Doch schon nach dem zweiten Atemzug muss sie husten.
Ein wenig schwerfällig schiebt sie sich zur Haustür, die Räder lassen sich nur schwer bewegen mit ihren kraftlosen Händen. Sie eckt am Türrahmen an und muss grinsen. Anecken konnte sie schon immer gut. Ein bisschen Lack splittert ab und fällt auf den Teppich.
„Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“
Sie rollt aus der Wohnung. Vor der Treppe im Hausflur bleibt sie stehen und steckt sich erst einmal eine an.

Meer

Weit gucken in die Ferne
Eine Linie zwischen Wasser und Luft
Wolken so schwer, dass sie fast ins Meer fallen
Die Linie hält sie fest

Tränen

Jeden Morgen stand sie vor dem Spiegel, dieses kleine Fläschchen in der Hand.
Morgens war es besonders unangenehm.
Gerötete trockene Augen, kleine Äderchen im Weiß und ein Brennen, das sie schon vorm Weckerschellen erwachen ließ.
Es war eine Kunst, mit dieser winzigen Pipette den unteren Lidrand zu treffen. Genau einen Tropfen hineinzuträufeln und erst dann die Augen zu schließen. Und nicht die Augen schon zu schließen, bevor es tropft.

Künstliche Tränen.
Verschrieben vom Arzt.
Geweint hatte sie schon lange nicht mehr.

Liebes Kind

Wollen, dass es dir immer nur gut geht.
Wissen, dass das nicht immer geht.

Dreizehnter

Die Katze kaut das Kleeblatt
und vergisst, von rechts zu kommen.
Der Schornsteinfeger schlüpft in die weiße Weste
und wechselt unerkannt die Straßenseite.
Die Sternschnuppe bleibt an der Wimper hängen
und weigert sich, weggepustet zu werden.
Das Schwein schweißt die Scherben des Spiegels.
Und die Fee feiert Freitag.

Popobrötchen

Die sehen aus wie ein Popo, dachte Eva als kleines Kind immer, wenn sie ein helles Brötchen aß. Später fand sie: „Die sind was fürn Arsch.“ Nämlich dann, wenn die anderen abends mit einer Mark rausliefen, weil der Pommeswagen am Straßenrand hielt und klingelte. Wenn alle anderen Pommes mit bunten Plastikgabeln aufspießten, während sie mit dem Finger das Weiße aus dem Brötchen pulte. Pommes sind nicht gesund, hieß es. Stattdessen also Popobrötchen.

Jetzt steht sie, längst erwachsen, in der Schlange beim Bäcker. Sie blickt sich um, und plötzlich weiß sie, dass die einfachen Brötchen von heute die Pommes von gestern sind. Mindestens Dinkel muss es sein, besser noch Bio-Vollkorn. Draußen holt sie ihr weißes Brötchen aus der Papiertüte, bricht es in der Mitte durch und beißt herzhaft in eine Hinternhälfte.

Verloren

Sie hatte noch nie eine Geldbörse gefunden, aber auch noch nie eine verloren. Würde ihr etwas fehlen, wenn sie ihre Börse verlieren würde? Geld bestimmt nicht, denn mehr als ein paar Euro trug sie nie bei sich. Das Foto von Jo? Ihr fiel ein, dass sie das schon längst hätte entsorgen sollen. Er sah so gut aus auf dem Foto, dass es ihr noch immer weh tat. Vielleicht die Monatskarte. Aber die war bezahlt, die würde ersetzt.

Wehmütig dachte sie an all die Börsen, die auf irgendwelchen Bürgersteinen lagen und gefunden werden wollten. Börsen, die von anderen Leben erzählten. Von Leben mit anderen Fotos – oder noch besser von Leben, die gar keine Fotos brauchten. An der nächsten Haltestelle stieg sie aus. Zu Fuß ging sie weiter. Im Rinnstein floss Regenwasser.

Umzug

Als Rosi ihr sagte, dass sie endlich eine Wohnung in München gefunden habe, hätte sie sich am liebsten in einem Umzugskarton versteckt. Sie hätte sich ganz klein gefaltet und zwischen die dicken Pullover geschoben.

Spätestens im nächsten Winter hätte Rosi sie hervorgezogen, sie angezogen und gesagt: „Wieso habe ich diesen Pulli schon so lange nicht mehr getragen?“

I-ah

„Hermann, komm doch her.“
Er reagiert nicht.
„Hermann!“
Er hört nicht.
„Hermann!!!“
Er dreht sich kurz um.
„Ach, Hermann…“
Er zieht eine Augenbraue hoch.
„Dass du immer so störrisch bist.“
Hermann schüttelt den Kopf. Wie ein Esel zieht er von dannen.

Ruhrgebiet von oben

Graubrauner Teppich
mit grünen Plüschhügeln
Carrerabahnteile
Faule Fördertürme
Eine friedenspfeifenrauchende Landschaft
Viel gekämpft, oft verloren
Versöhnt mit der Vergangenheit

Ganz leicht

Hilde stieg von der Waage herunter.
Sie hatte es satt.
Mit dicken Backen blies sie einen Luftballon auf,
hängte sich dran
und flog davon.

Kopflos

Als sie hinaus ging, wusste sie nicht, dass die Tür geschlossen war.
Sie ging einfach los, ging immer weiter, ohne zu merken,
dass die Bürgersteige längst hochgeklappt waren.
Sie lief und konnte es kaum fassen, dass sie ihre Füße zu Hause vergessen hatte.

Blaumeise

Das Grauingrau legte sich auf seine Augenlider.
Grauingrau auf Blaumeisenblau.
Blaumeisenblau sind deine Augen, hatte sie immer gesagt.
Auf dem Balkon hingen Meisenknödel.
Der Schnee war schon längst wieder geschmolzen.

Menschen

Einst Wasser, plätschernd, ständig im Fluss,
funkelnde Wassertropfen an Sommertagen –
dann gefroren,
eisblumenweiß.

Ein Funkeln bleibt,
wenn die Sonne scheint

Augen, die hören

Alles Durchsichtige macht in ihren Ohren einen Laut.
Die Seifenblasen summen, der Gefrierbeutel schreit,
das Wasserglas singt. Und die Fensterscheibe, die zersägt ihr Trommelfell.
Für sie beginnt der Tag, wenn es dunkel wird.
Das Schwarz der Nacht ist angenehm still.

53 Bilder – 53 Texte

Projekt 53: Das ist mein Projekt 2015. Jede Woche möchte ich ein Schwarz-Weiß-Foto posten und eine Miniatur, ein Prosa-Gedicht, einstellen. Fotos (Schnappschüsse, keine gestellten Bilder) und Miniaturen, die für mich zu der Woche passen. Eine Art Wochenbuch.