Der folgende Beitrag ist ein Gastbeitrag meiner Kollegin Nina Hundhausen – ich habe ihn beim Blogwichteln des tollen Netzwerks Texttreff gewonnen. Und ich freue mich sehr darüber!
Als Mutter scheine ich meine Sorgfaltspflicht ein wenig auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich habe keine frühfördernden Bewegungs-, PEKiP- oder Babyschwimmkurse mit meinem 16-monatigen Sohn besucht. Ich erziehe ihn lediglich einsprachig und weiß auch noch nicht, auf welche Grundschule er später soll. Ganz anders ist da meine Bekannte Emel. In ihrem Krabbelkurs erkundigt sie sich regelmäßig danach, was sie kaufen kann, um ihre Tochter noch besser fördern zu können. Sie geht auch nicht auf Spielplätze, die sind ihr zu dreckig. Neulich erklärte sie mir, dass sie schon genau wisse, in welche Grundschule sie ihre Tochter schickt. Sie war auch schon vor dem ersten Geburtstag beim Zahnarzt und beim Augenarzt. All das habe ich nicht gemacht. Irgendwie hat mein Sohn es aber trotzdem geschafft, sich regelgerecht zu entwickeln. Er hat sitzen, krabbeln und laufen gelernt und er fängt jetzt an zu sprechen. Der Ehrgeiz, den er dabei manchmal entwickelt, ist erstaunlich. Auf Wikipedia lese ich:
„Die Fähigkeit zu lernen ist für Mensch und Tier eine Grundvoraussetzung dafür, sich den Gegebenheiten des Lebens und der Umwelt anpassen zu können, darin sinnvoll zu agieren und sie gegebenenfalls im eigenen Interesse zu verändern.“
Lernen ist also etwas, das wir erst einmal gar nicht lernen müssen. Wir können es einfach. Aber dann scheint wohl beim Älterwerden irgendetwas schief zu laufen. Denn plötzlich gibt es jede Menge Kinder mit Lernschwächen, pubertierende Teenager, die sich dem Lernen total verweigern und Erwachsene, die das Lernen auf einmal als richtig anstrengend empfinden. Kein Wunder also, dass Eltern wie Emel alles tun, damit das Kind rechtzeitig gefördert wird.
Unser Sohn erprobt gerade verschiedene Worte und Geräusche. Eine Wortschöpfung fanden wir besonders bemerkenswert. Er fing eines Tages damit an, nicht mehr nur mit Zeigen und Jammern nach dem Schnuller zu verlangen. Plötzlich hatte das Ding einen Namen: Njunju. Im Bekanntenkreis hieß der Schnuller auch schon mal „Nono“, „Nonno“ und „Noni“. Wochenlang fragte ich mich, woher bloß diese Bezeichnungen kommen und warum sie sich so ähneln. Vor allem fragte ich mich, warum diese Namen so gar nicht nach „Schnuller“ klingen. Die Kinder kennen „Schnuller“, „Nuckis“, „Nuckel“, oder hier in Köln auch schon mal „Nüggel“. Nichts davon klingt auch nur annähernd nach Njunju oder Nono.
Und dann wurde mir plötzlich klar, dass die Kinder die Mundbewegung nachmachen und die dazu passenden Laute entwickeln. Und wenn man das Nuckeln am Schnuller imitiert, kommt da mitunter ein Nono oder ein Njunju raus. Und wir Eltern nehmen das neue Wort begeistert auf.
So ähnlich sollen die Kinder in der Schule seit einigen Jahren auch Schreiben lernen. Sie bekommen eine Lautetabelle an die Hand und los geht’s. Richtig und falsch gibt es nicht. Stattdessen lernen die Kinder zu schreiben, wie sie es hören. Das hat den Vorteil, dass die Kinder ganz ohne Druck ans Schreiben kommen. Später soll dann ganz behutsam und mit Hilfe des Lesens ein Gefühl für richtig oder falsch entstehen. Das läuft aber leider mitunter schief. Deswegen haben wir jetzt plötzlich viel mehr Kinder mit Rechtschreibschwäche als früher. Und da erwische ich mich bei dem Gedanken, dass ich nicht möchte, dass mein Sohn eine Rechtschreibschwäche bekommt, weil er jetzt ohne Druck schreiben lernen soll. Ich möchte, dass mein Sohn die Rechtschreibung beherrscht, weil es Kinder mit Rechtschreibschwäche viel schwerer haben. Teilweise entscheidet das über die weiterführende Schule auf die sie gehen und damit vielleicht sogar über den Rest ihres Lebens. Und plötzlich fühle ich mich Emel viel näher …
Emel (sie ist übrigens Türkin) hat aber dann wieder für etwas Distanz gesorgt, als sie mir sagte, sie wolle nicht, dass ihre Tochter in die KiTa bei uns um die Ecke kommt. Da seien ihr zu viele Ausländer.
Nin
a Hundhausen ist freie Journalistin und Texterin und lebt mit ihrer Familie in Köln. Hauptsächlich arbeitet sie fürs Radio.
Und sie bloggt hier: ninakatarina.wordpress.com (Dogville)
Foto oben (Schnuller):
pixelio / A. Liebhart
Foto unten (Nina Hundhausen):
Andrea Erismann

Liebe Nina,
danke für den schönen Beitrag. In vielen Punkten sprichst du mir aus der Seele. Ich glaube, dass heutzutage “Fördern” zu oft institutionalisiert gesehen wird: Für alles braucht man angeblich einen Kurs. Dabei lernen Kinder automatisch so viel, wenn sie draußen sind, sich bewegen, matschen dürfen, all das. Aber viele Kinder haben dafür keine Zeit mehr …
Viele Grüße
Andrea
Ja, diese Kurse sind zwar auch nicht schlimm, aber eben eigentlich nur für die Eltern. Und dass dann mit den Ängsten und Hoffnungen der Eltern so eine Kohle gemacht wird, ist eigentlich ein Skandal. Aber es gibt eben viele Mütter wie Emel. Mir tut ja nur ihre Tochter leid, weil sie scheinbar nie draußen sein, matschen, Sand futtern und dreckig werden darf.
Ach ja, Emel ist natürlich ein Pseudonym. Aber es gibt sie wirklich!
Ich kann dich so gut verstehen! Und oute mich als eine, die mit ihrem Sohn auch nicht in der Pekip-Gruppe war. Empfehle als Lektüre übrigens das Buch “Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter” von Anja Maier, das die Generation der Cappuccino-Kampf-Mütter zum kollektiven Aufschrei veranlasst hat!
Ja, da hab ich neulich noch einen Auszug draus gelesen. Sehr treffend. Ähnliches Thema und auch empfehlenswert: http://www.wdr5.de/sendungen/lebensart/s/d/24.11.2011-15.05/b/is-doch-so-111124.html
Da passt ja das, was ich eben beim Arzt im Wartezimmer gelesen habe ziemlich gut dazu. Remo Largo, ein bekannter Pädagoge aus der Schweiz, meint, mit der (Früh-)Förderung verhält es sich, wie mit dem Essen. Hat man genug, wächst man so groß, wie die Natur es vorgesehen hatte. Kriegt man zu viel, wird man nicht größer, nur dicker. ;-)
Auch Remo Largo spricht mir oft aus dem Herzen ;-)
Dieses Aus-dem-Haus-Geben von normalen Anregungen finde ich genauso fürchterlich wie den Usmtand, dass die Kidnder heute nur noch selten einfach mal klingeln kommen, um zu schauen, ob wer zum Spielen rauskommt – bei den Terminplänen, die sie schon in der Grundschule haben. Um somehr freut es mich, wenn dann mal nicht ein Zeuge Jehovas, Paketbote mit Päckchen für die halbe Nachbarschaft oder der Scherenschleife draußen steht, sondern ein Knabe, der nach Knd 1 oder Kind 2 fragt.
Da wird man fast nostalgisch und denkt dran, wie es früher war …
Stimmt! Genau so war es früher. Ich hab immer gedacht, dass das vor allem daran liegt, dass ich jetzt mitten in der Stadt lebe und vorher eher am Rand.
Liebe Nina,
vor allem in puncto “Rechtschreibung ohne Druck” sprichst du mir aus tiefster Seele… Wenn ich schon höre, dass Eltern es sogar verboten wird, im ersten Schuljahr überhaupt zu korrigieren. Weiowei, warum wird nur die verkorkste Bildungspolitik unseres Landes seit 60 Jahren auf dem Rücken der Kinder ausgetragen – mal in diese, mal in jene Richtung, aber auf jeden Fall eines nicht: ausgewogen.
Ja, ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich pädagogisch sinnvoll ist, die Kinder nicht zu korrigieren, aber dafür anzulügen.
(hoffentlich dürfen hier auch Männer posten :))
… Mir tut Emels Kind nicht leid, denn sie hat als Mutter nunmal offensichtlich einen anderen Weg der Erziehung eingeschlagen und das ist ihr gutes Recht. Nachdem ich mal nicht davon ausgehe, dass Emel dumm ist, drückt sich in ihrem Übermutti-Sein halt vielleicht die Angst aus, etwas falsch zu machen, der Wunsch, dem Kind mehr bieten zu können etc. Wiegesagt, alles nur Vermutungen. Und das ist ja das schöne dran: Jeder geht anders ran an das Thema Erziehung, keiner von uns macht es richtig und die Kids sind a) allright und b)werden so und so groß. In meinen Augen sind dafür Eltern, die Ihre Kids nicht impfen lassen, Verrückte. Aber das nur am Rande.
Grüße von der Kasse4!
martin