Weihnachtszeit – (Blog-)Wichtelzeit in meinem Netzwerk Texttreff. Ich habe einen besonders schönen Beitrag bekommen, von Ines Balcik. Ines ist Diplom-Fachsprachenexpertin, Lektorin und Redakteurin und geht in ihrem Sprachblog den Worten auf der Spur. Außerdem hat sie verschiedene Bücher rund um Sprache und Rechtschreibung veröffentlicht.
Hier ihr Gastbeitrag:
Der Alphasmart war mir völlig unbekannt, bis ich Andreas Beitrag darüber und über Schreibgeräte allgemein las. Wenn man nicht gerade mit dem Alphasmart schreibt, braucht man neben dem Schreibgerät auch einen Träger für die Schrift, ein Schreibmedium – eine Kladde zum Beispiel.
Dieses Wort begegnete mir vor Jahrzehnten zum ersten Mal, als ich in Nordrhein-Westfalen aufs Gymnasium kam. Für mich fiel das Wort damals in dieselbe Kategorie geheimnisvoller fremder Wörter wie Tornister, kurz „Tonne“ – aus meiner Grundschulzeit in Baden-Württemberg kannte ich nur den Ranzen. Wer weiß, welche meiner schwäbischen Wörter meinen Mitschülern komisch vorkamen! Ich sollte mir also für ein Fach eine Kladde zulegen und lernte, dass damit ein dickes Schulheft gemeint war. Eine aktuelle Blitzumfrage unter meinen drei Kindern ergibt, dass in mittelhessischen Schulen Kladden ebenfalls unbekannt sind. Ist Kladde also nur ein nordrhein-westfälischer Regionalismus?
Weit gefehlt. Laut duden.de ist eine Kladde allgemein ein vorläufiger Entwurf oder ein Konzept, speziell bezeichnet das Wort ein Heft für einen ersten Entwurf oder ein Geschäftsbuch für vorläufige Eintragungen. Gewissermaßen eine Vorstufe zur Kladde ist der einzelne Schmier- oder Notizzettel. Das Notieren hat wiederum eine lange Tradition: Schon in der Antike benutzte man in mehreren Kulturen Tafeln aus verschiedenen Materialien, um darauf kurze Informationen festzuhalten.
In der Schule üben die Kinder das Schreiben längst nicht mehr auf Schiefertafeln. In meiner Grundschulzeit nutzten wir Kunststofftafeln, auf die nicht mit Kreide, sondern mit Aquarellstiften geschrieben wurde. Auf die Stifte war ich ebenso stolz wie auf mein rotes Schwammdöschen, mit dem ich misslungene Schreibversuche einfach wegwischen konnte –
Notizen auf Tafeln sind selten für die Ewigkeit gemacht.
Das Moment der Flüchtigkeit wird in den Zaubertafeln auf die Spitze getrieben. Auch sie faszinierten mich schon in meiner Kindheit – und zu meiner Verblüffung gibt es sie noch heute in ihrer einfachsten Form und als „Dauerblock“ sogar in einer bürotauglichen Version.
Tafeln sind also wahre Dauerbrenner für alle, die gerne notieren. Nicht von ungefähr bedeutet Tablet so viel wie Notizblock, Schreibtafel. Die derzeit so beliebten Tablet-PCs schließen insofern den Kreis zum Alphasmart, als sie das dauerhafte Speichern von Notizen ermöglichen. Umgekehrt ist zum Beispiel das Boogie Board eine elektronische Form des vergänglichen Notizzettels.
Und dann gibt es, verdrehte Welt, jetzt sogar die nostalgische Kreidetafel im Tablet-PC-Look als Geschenkidee für Weihnachten.
Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de
Text: Ines Balcik