Kladde

Archiv ‘Gelesen’

Buchstabenverschwörung

Donnerstag, 28. März 2013

Susa-CoverDas Thema LRS (Lese- und Rechtschreibschwäche) beschäftigt mich journalistisch schon lange. Vor vielen Jahren habe ich recherchiert, wie sich Kinder und junge Erwachsene fühlen, die LRS haben. Damals habe ich vor allem geschaut, wie es Gymnasiastinnen und Gymnasiasten geht und welche Hürden Studierende überwinden müssen. Es sind mehrere Artikel dazu erschienen. Dann habe ich vor zwei Jahren ein Jugendbuch- und Theatermanuskript geschrieben über ein Mädchen, das Probleme mit LRS hat – “Bühnenflieger” ist der derzeitige Titel.

Umso spannender fand ich es, dass meine Kollegin Birgit Ebbert ein Kinderbuch zu diesem Thema veröffentlicht hat. “Susa, Timo und die Buchstabenverschwörung” heißt es.  Die beiden Hauptfiguren  lernen sich in der Hundeschule kennen und treffen sich auf der weiterführenden Schule wieder. Doch Susa merkt schnell, dass Timo ein Geheimnis hat. Dass es seine Probleme mit dem Lesen und Schreiben sind, erfährt sie erst später. Auch sie kämpft mit der Rechtschreibung, geht aber lockerer damit um.

Timo kann tolle Hundegeschichten erfinden, nur aufschreiben mag er sie nicht. Selbst dann nicht, als es darum geht, mit ihnen Geld für die Hundeschule aufzutreiben. Doch Susa wäre nicht Susa, wenn sie aufgeben würde. Sie schmiedet einen Plan und rettet nicht nur die Hundeschule, sondern auch ihren neuen Freund.

Wie schon in Birgit Ebberts Buch “Miekes genialer Anti-Schüchternheitsplan” geht es in diesem Roman um Kinder mit Lernproblemen. Die Autorin – Pädagogin und Lernbegleiterin – versteht es, echte Mutmach-Bücher ohne erhobenen Zeigefinger zu schreiben, die allen Kindern Spaß machen.

Ich habe Birgit noch zwei Fragen zu ihrem neuen Buch gestellt.

Wie bist du auf das Thema LRS gekommen für deinen neuen Kinderroman?

Ich habe häufig mit Kindern zu tun, die unter ihren Lese- und Rechtschreib-Problemen leiden. Da hatte ich die Idee, ihnen und allen anderen Kindern mit der Schwäche Mut zu machen und gleichzeitig zu zeigen, dass ein Schüler mit LRS nicht nur dadurch bestimmt wird, sondern andere Sorgen und vor allem andere Stärken hat.

Du hast auch ein Sachbuch bzw. einen Ratgeber zu LRS geschrieben. Was empfiehlst du Eltern, deren Kinder LRS haben? Und wie können Kinder lernen, mit LRS umzugehen?

Wichtig finde ich, das gilt für Eltern und Lehrer, dass Kinder oder Jugendliche mit einer LRS nicht nur auf diese Schwäche reduziert werden. Sie brauchen besondere Ermutigung und den Blick auf das, was sie leisten können und geleistet haben. Oft hilft es schon, sich die Verbesserungen seit dem letzten Diktat oder Aufsatz anzuschauen. Meine Schüler freuen sich immer sehr, wenn sie feststellen, dass sie Wörter, die sie immer falsch geschrieben haben, endlich richtig schreiben. Das macht Mut, sich weiterhin zu bemühen.

Birgit Ebbert
Susa, Timo und die Buchstabenverschwörung
Arena, Würzburg 2013

Weiße Nelken für Elise

Dienstag, 26. März 2013

weiße nelkenDerzeit lese ich sehr gerne Biografien und Autobiografien. Auch “Weiße Nelken für Elise” ist ein Stück Historie, mit einem ganz persönlichen Blick auf die Dinge. Beate Schaefer erzählt die Geschichte ihrer Großeltern Elise und Walter. Wie bei einem Puzzle fügt sie die Teile zusammen, bis ihr Familiengeheimnis gelüftet ist. Ihre Oma war eine Prostituierte. Und ihr Opa war ihr Zuhälter – und ihr Geliebter.

In dem Buch nimmt die Autorin die Leserinnen und Leser mit auf die Suche nach der Wahrheit. Sie lässt ihre Leserschaft teilhaben an ihren Recherchen, an ihren Gefühlen, an der Wucht der Ereignisse, die sie aufdeckt und die sie mitreißen. Sie zeichnet 100 Jahre Familiengeschichte nach – und gleichzeitig 100 Jahre deutsche Zeitgeschichte. Ein Tabu wird persönlich, wird greifbar und gebrochen.

Der Großvater stirbt im KZ – als sogenannter “Asozialer”. Die Großmutter wird von den Nazis gezwungen, ihren Körper, eng getaktet, für deutsche Soldaten bereitzuhalten. In einem Wehrmachtsbordell in Straßburg. Elise überlebt. Und mir ihr das Unausgesprochene, das niemand der Enkelin erzählen wird. So lange, bis sich die Enkelin als Autorin selbst auf den Weg macht, um das Schweigen zu beenden.

Beate Schaefer ist ein beeindruckendes Buch gelungen. Es ist das Buch einer ungewöhnlichen Liebe und das Buch einer Nachkommin, die sich mit Ausflüchten nicht zufrieden geben wollte. Teilweise liest es sich wie ein Roman – doch es ist nichts als die Wahrheit über ein unbekanntes Puzzleteil unserer Vergangenheit.

Beate Schaefer
Weiße Nelken für Elise
Herder, Freiburg  2012

Indiebookday!

Samstag, 23. März 2013

indiebookDer Mairisch-Verlag hat eine schöne Aktion ins Leben gerufen: den Indiebookday nämlich. Und der ist heute, am 23. März. Überall in Deutschland stürmen hoffentlich viele Menschen in die Buchläden, um ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen. Bei mir sind viele Tage Indiebuchtage – aber ich habe dennoch mitgemacht. Habe ein klein wenig geschummelt, denn gekauft habe ich das Buch schon vor ein paar Tagen. Aber das ist ja nicht ganz so schlimm, oder?

Ich habe mir ein Prosa-Werk, eine Sammlung, der Theaterautorin Felicia Zeller gekauft: “Einsam lehnen am Bekannten”, erschienen im Lilienfeld-Verlag. Der nennt sich auch Verlag für Entdeckungen: Verlage für Entdeckungen sind für mich viele unabhängige Verlage. Denn sie trauen sich,  spezielle Bücher zu machen, jenseits des Mainstreams. Bücher, die nicht auf die Massen zielen – die aber etwas Besonderes sind. Eine Bereicherung für die Literaturlandschaft eben.

Ach ja: Gelesen habe ich das Buch natürlich noch nicht. Wenn’s soweit ist, dann berichte ich, wie ich die Geschichten von Felicia Zeller gefunden habe!

Drüberleben

Montag, 25. Februar 2013

Drueberleben von Kathrin WesslingWas für ein Buch! Ich habe es gelesen, wurde in einen Sog gezogen, konnte erst aufhören, als ich auf Seite 317 angekommen war, durch die Mühle gedreht. Kathrin Weßling hat mit ihrem Debüt “Drüberleben” ein meisterliches Werk geschaffen. Ein Buch zu einem ernsten Thema, das in unserer Gesellschaft immer noch oft totgeschwiegen wird: Depression. Wer das Blog der Autorin gelesen oder ihren Auftritt im SWR-Nachtcafé gesehen hat, weiß, dass die Krankheit sie lange selbst begleitet hat. Dennoch ist das Buch keine Autobiografie, es ist ein kunstvoller Roman.

Kathrin Weßling ist Texterin und Poetry-Slammerin. Und genau das merkt man ihrem Buch an. Fast hörte ich sie beim Lesen Slammen. Ihre Sprache hat einen enormen Rhythmus, sie hat Takt und Musik. Ich liebe Stellen wie diese:

“Ich atme aus und ich atme ein, und ich lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen und lasse mich fallen, lasse mich fallen in diese Möglichkeit, in diesen ersten letzten Tag, in diees Boot, in dem ich nun wieder sitze und das auf einem Ozean voll Angst und Irrsinn und Scheiße und stinkendem Dreck schwimmt, dieses Boot, das Klinik heißt und dessen Insasse ich gleich bin.” (S. 31)

So wird der Klinikaufenthalt von Ida, der Hauptfigur des Romans, eingeleitet. Ida ist weit mehr als das Alter Ego von Kathrin Weßling. Ida hat ihr eigenes Leben, von dem die Leserinnen und Leser einen Ausschnitt von zehn Wochen mitbekommen. Poetisch und klar, schnörkellos und nie kitschig wird der neue Alltag der 24-Jährigen dargestellt. “Drüberleben” ist ein spannendes Buch – und, auch wenn es sich vielleicht komisch anhört, es ist im besten Sinne ein “lehrreiches” Buch. Es verschafft mehr Einblick in die Tiefen der menschlichen Psyche, als es so manch ein Ratgeber vermag.

Mich hat vor allem die Sprache des Romans in den Bann gezogen. Fast hatte ich beim Lesen das Gefühl, als würde mein Herz schneller schlagen. Ich freue mich über diese literarische Entdeckung.

Kurt Drawert: Schreiben

Dienstag, 12. Februar 2013

Layout 1Vorab muss ich gestehen: Ich bin noch nie so lange um ein Buch herumgeschlichen, bis ich es endlich rezensiert habe. Kurt Drawert hat es mir mit “Schreiben. Vom Leben der Texte” nicht leicht gemacht. Und ich glaube: Das wollte er auch gar nicht. Nichts lag ihm ferner, als ein leicht verdauliches Buch zu schreiben.

Das Inhaltsverzeichnis täuscht: Dort sind zwar zum Beispiel Kapitel zu Schreibtechniken, zu Erzählperspektiven oder Ähnlichem gelistet. Doch wer einen Schreibratgeber mit Rezepten und leicht verdaulichen Häppchen erwartet, sollte von dem Buch die Finger lassen.

Alle anderen bekommen einen Essay serviert, der anstiftet, sich vertiefend mit dem Schreiben auseinanderzusetzen. Auf über 280 Seiten reflektiert der Autor, der sonst Lyrik, Prosa und Theaterstücke schreibt, über den Weg vom Text zur Literatur. Über allem steht die Frage: Wann wird unsere Sprache literarisch?

Ich habe mich oft an den Gedanken Drawerts gerieben. Beispielsweise bei seinen Einlassungen in Sachen Internet. Er nennt einen Online-Text einen “entrissenen Text”. “Für unsere Texte, die Literaturtexte sind, bedeutet ein Auftritt im Internet immer Verlust”, schreibt er da zum Beispiel (Seite 73) und führt diese These aus.
Gerade jene Passagen, bei denen ich nicht unmittelbar nicken konnte, haben mir gut gefallen. Kurt Drawert regt zum Nachdenken an. Nebenbei erfahren die Leserinnen und Leser vieles über seine Arbeit und über andere Autorinnen und Autoren.

Es ist ein Buch, das Lesezeit braucht. Man kann es nicht in einem Rutsch lesen. Und es ist auch keine Lektüre, die man abends, müde, mit ins Bett nehmen kann. Das Buch erfordert geistige Aktivität. Das liegt auch an dem Schreibstil des Autors, den ich mir an manchen Stellen etwas eingängiger, weniger substantivisch, gewünscht hätte. Ein wenig mehr Poesie, eine wenig mehr “wissenschaftliche Sprache” hätte dem Buch für mein Empfinden durchaus gut getan.

Oft habe ich das Buch zur Seite gelegt. Doch es ließ mich nicht los – ich habe es immer wieder zur Hand genommen und habe ein Stück weitergelesen. Ich bin zum Glück dran geblieben, auch wenn ich das Buch nicht so verschlingen konnte, wie ich es sonst mit Büchern mache.

Kurt Drawert
Schreiben. Vom Leben der Texte.
C.H. Beck. München 2012

Mein glückliches Leben

Donnerstag, 31. Januar 2013

Cover-LebenEs gibt Bücher, von denen weiß man schon vorm Lesen, dass man sie nicht mehr hergeben möchte. “Mein glückliches Leben” ist so eines. Die Schwedin Rose Lagercrantz hat ein ganz wunderbares Kinderbuch geschrieben. Im Mittelpunkt steht Dunne. Dunne zählt abends beim Einschlafen keine Schafe, sondern glückliche Momente. Davon gibt es viele in Dunnes Leben: Ihre Einschulung zum Beispiel ist so einer. Und der Tag, an dem sie sich mit Ella Frieda anfreundet auch.

Doch auch in Dunnes Leben gibt es Momente, die sind gar nicht glücklich. Ihre Mutter ist “gegangen”, als sie noch klein war. “Gegangen”, so nennen es die anderen. Für Dunne war sie weggeflogen, damals. In der ersten Klasse geht dann auch Ella Frieda weg, die zieht nämlich mit ihren Eltern in eine andere Stadt.

Dunne weint und lacht und weint immer mehr, hüpft Seil, und fast hätte dafür gesorgt, dass Jonatan einen Zahn verliert. Und dann kommt ein Brief von Ella Frieda …

Was mich an diesem Buch besonders überzeugt, ist die Leichtigkeit, mit der die Autorin auch schwere Themen anpackt. Ich mag die lakonische Sprache, die gleichzeitig ganz viel Poesie hat. Es gelingt Rose Lagerkrantz und der Übersetzerin Angelika Kutsch, dass man ganz in die Haut von Dunne schlüpft und die Welt plötzlich mit ihren Augen sieht.

Es ist ein Buch zum Vorlesen und zum Selberlesen. Auch wenn es kein ausgewiesenes Erstlesebuch ist, können fortgeschrittene Leseanfängerinnen und -anfänger es schon selbst lesen. Zum einen ist die Sprache eingängig – zum anderen gibt es viele großformatige Zeichnungen. Ganz wunderbare und einzigartige Bilder von Eva Eriksson, die die glücklichen und weniger glücklichen Augenblicke gekonnt einfängt.

Ein Buch, das glücklich macht!

Rose Lagercrantz/Eva Eriksson
Mein glückliches Leben
Moritz Verlag, Frankfurt 2011

 

Spiele-Zeit

Montag, 05. November 2012

Der Herbst ist da – und mit ihm kommt die Zeit der (Brett-)Spiele. Ich muss gestehen: Lange Zeit war ich überhaupt kein Spielefan. Spieleabende als Erwachsene fand ich gruselig …

Als Kind hatte ich jedoch ein paar Lieblingsspiele: Halma und Malefiz mit meiner Freundin – Malefiz haben wir immer bei ihr gespielt, denn das gab es in meiner Spielesammlung nicht. Dann mit meinen Eltern Dame und Mühle, Mau-Mau und später Monopoly (damals gab es nur die Erwachsenenversion). Und mit meiner Oma habe ich stundenlang gekniffelt. Irgendwann hatte ich eine Rommé- und Canasta-Phase. Im Studium liebte ich schließlich Backgammon.

Danach wurde meine Wohnung zur spielfreien Zone. Doch das lässt sich mit eigenem Kind natürlich nicht durchhalten. Aber siehe da: Plötzlich spiele ich wieder gerne. Vor allem Klassiker wie “Schwarzer Peter”, “Domino” oder “Mensch ärgere dich nicht”. Denn im Vergleich zu vielen neuen Spielen steckt in den alten Spielen eine einfache und zumeist spannende Spielidee, während viele Spiele heutzutage zwar eine tolle Ausstattung haben, aber oft gähnend langweilig sind. Oder schon beim Aufbauen und Spielen so kompliziert sind, dass die Spielfreude im Karton hängen bleibt.

Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Und so bin ich auf ein paar tolle Spiele gestoßen:

Ubongo (Kosmos-Verlag), in der Junior-Version auch schon mit Kita-Kindern zu spielen: Dahinter steckt eine Art Tangram – gespielt wird gegen eine Sanduhr. Es gilt, schnell Formen mit Legeteilen nachzubauen.

Schokohexe (Ravensburger-Verlag): Das ist ein Kartenspiel für erstes Zocken. Man muss versuchen, die sechs Zutaten für die Schokolade zu ziehen. Doch wenn man eine Hexe zieht, ist der Spaß vorbei. Wie lange traue ich mich zu ziehen – und wann höre ich lieber auf?

Spinnengift und Krötenschleim (Kosmos-Verlag): Zurecht auf der Nominierungsliste zum Kinderspiel des Jahres, kommt dieses Spiel als eine Kombination aus Memory- und Glückspiel daher. Auch für Erwachsene noch spannend.

Jenga (MB) / Stapelturm (versch. Firmen): Das Geschicklichkeitsspiel ist zwar nicht brandneu, aber dennoch ein Tipp. Man baut einen Turm aus vielen Holzteilen und muss versuchen, nach und nach Klötzchen wieder herauszuziehen – ohne dass der Turm einstürzt.

Max Mümmelmann (Ravensburger-Verlag): Das ist ein einfaches, aber nettes Spiel für Kleinere, um mit dem Würfel und dem Zählen vertraut zu werden.

Sehr beliebt ist hier übrigens auch das gute alte Leiterspiel. Das ist nämlich in meiner uralten Spielesammlung. Und die habe ich immer noch!

Foto: Andrea Behnke

Interview: Romanrecherche

Mittwoch, 05. September 2012

Gina Mayer hat schon viele Bücher veröffentlicht – für Jugendliche und für Erwachsene. Die meisten spielen in der Vergangenheit. Ihr aktueller Roman “Das Maikäfermädchen” ist im Nachkriegsdeutschland angesiedelt. Ich habe Gina befragt, wie sie sich beim Schreiben in diese Zeit versetzt hat.

Dein neuer Roman hat – wie viele deiner Bücher – einen geschichtlichen Hintergrund. Wie gehst du vor, wenn du ein solches Buch schreibst?

Gina Mayer: Ich arbeite leider nicht sehr strukturiert, sondern fürchterlich chaotisch. Statt erstmal in Ruhe zu recherchieren und dann mit dem Schreiben zu beginnen, stürze ich mich Hals über Kopf in die Geschichte. Meistens stehen schon die ersten Kapitel, bis ich Zeitzeugen und Fachleute gefunden habe, die mir weiterhelfen können. Und bei den Interviews und Gesprächen fallen mir dann meine ganzen Irrtümer auf. Dann fängt das Überarbeiten und Streichen an.

Wie findest du dich beim Schreiben in die jeweilige Zeit ein – gerade auch sprachlich?

Gina Mayer: Indem ich sehr viele Texte und Bücher lese, die in der Zeit entstanden sind, über die ich schreibe.

Beim Lesen deines neuen Romans merke ich, dass du sehr viel recherchiert hast. Was sind bei dieser Arbeit deine Recherchequellen?

Gina Mayer: Wenn es irgendwie geht, versuche ich Zeitzeugen zu finden, die das Ganze noch miterlebt haben. Je weiter die Geschichte zurückliegt, desto schwieriger wird das natürlich – und desto unzuverlässiger sind auch die Berichte. Inzwischen gibt es auch im Internet viele Zeitzeugenarchive. Das ist eine große Hilfe, wenn man ein Gefühl für eine Zeit bekommen will. Verlassen sollte man sich aber nicht unbedingt auf diese „erzählte“ Geschichte – die Erinnerung trügt bekanntlich oft. Ich überprüfe die Berichte immer in Stadt- und Facharchiven und lese natürlich auch viel Fachliteratur.

Was war deine “härteste Recherche-Nuss” bei deinem neuen Buch?

Gina Mayer: Im Grunde sind es immer irgendwelche Kleinigkeiten, die am meisten Zeit und Nerven kosten. Wie teuer war 1945 ein Pfund Butter, welche Strafe hätte einen Schmuggler erwartet, wenn man ihn mit vier Kilo Kaffee an der Grenze erwischt hätte, wie stand der belgische Franc zur Reichsmark? Bei solchen Fragen nützen einem leider auch Zeitzeugen wenig, die haben diese Details nämlich meistens auch vergessen. Da muss man selbst in den Heuhaufen tauchen und nach der Stecknadel suchen.

Danke für das Gespräch!

Foto: Sibylle Pietrek

Hier ist eine Rezension des Romans “Das Maikäfermädchen” .

Das Maikäfermädchen

Mittwoch, 05. September 2012

Die Autorin Gina Mayer, die ich hier interviewt habe, ist bekannt für ihre Romane, die immer auch  Zeitgeschichte widerspiegeln. Mit ihrem neuen Buch “Das Maikäfermädchen” beleuchtet sie ein Stück Nachkriegsgeschichte in Deutschland. Und wie!

Käthe Mertens ist Hebamme. Sie, selbst ungewollt kinderlos, hilft Babys, auf die Welt zu kommen. Doch die Welt im Jahr 1945 ist nicht mehr so, wie sie vor dem Krieg war. Viele Frauen werden schwanger und können oder wollen ihr Kind nicht bekommen. Eines Tages steht ein Mädchen vor Käthe, das sie anfleht, das Ungeborene “wegzumachen”. Käthe zögert – aber der Hunger lässt sie tätig werden. Ein Pelzmantel, der nach Speck duftet, für einen abgetöteten Fötus, begraben unter den Trümmern Düsseldorfs. Das Jahr 1945 lässt nicht viel Raum für Entscheidungen.

Und das ist der Anfang: Immer mehr Frauen suchen Käthe auf – dass sie eine “Engelmacherin” ist, spricht sich schnell herum. Kurze Zeit drauf steigt Lilo Hambach, Krankenschwester und einst Kollegin und Freundin von Käthe, mit ein “ins Geschäft”, wie sie es nennt. Käthes Gewissen wird immer schwerer, während Lilo sich immer mehr zur “Unternehmerin” entwickelt. Eine ganze Weile geht das auch gut, bis das Verbotene zurückschlägt.

Gina Mayer ist ein faszinierender Roman gelungen, der unglaublich vielschichtig ist, der Gesellschaft und Individuum in den Blick nimmt. Wann gibt es äußere Zwänge – wann wird das eigene Handeln zur Schuld? Was wird aus Menschen, die ihren Mann vermisst glauben, aus Menschen, die im Konzentrationslager waren, aus Menschen, die im Krieg waren? Gibt es so etwas wie Schuld, wenn Hunger und Leid den Alltag bestimmen? Bis ins Detail recherchiert, schafft es die Autorin, eine lebendige und authentische Welt zu erschaffen, in die man als Leserin vollends eintaucht. Man steckt in Käthes Haut, fühlt und denkt mit ihr. Man steht selbst mitten im zerbombten Düsseldorf – gerade auch durch die Sprache, die die damalige Zeit mit jedem Buchstaben ausatmet. Aufhören zu lesen kann man nicht, so spannend sind die 360 Seiten. Das Ende ist sehr überraschend – es führt längst vergessene Fäden zusammen zu einem neuen Ganzen.

“Alles heilt, dachte Käthe. Alles wächst zusammen. Bald sieht man nur noch die Narben und irgendwann nicht einmal mehr die.” (S. 363 im Roman)

Gina Mayer
Das Maikäfermädchen
Rütten & Loening
Berlin 2012

Miekes genialer Anti-Schüchternheitsplan

Dienstag, 17. Juli 2012

Mieke hat ein Problem – genauer gesagt gleich zwei Probleme: Sie heißen Aka und Muzu. Das sind Kobolde. Der Armklammerer und der Mundzuhalter, die unglaublich lächerlich aussehen – und gleichzeitig so richtig fies sind. Die beiden sind es, die der eigentlich pfiffigen Mieke das Leben schwer machen. Bis Mieke ihnen den Kampf ansagt. Ihr Ziel: Sie will sich in Schule mehr im Mündlichen beteiligen.

Der Professor Nichts kann – wie sollte es anders sein – nichts ausrichten, der nervt nur. Doch gute Ideen, Kreativität, Freunde und die Oma stehen an Miekes Seite. Der Anti-Schüchternheitsplan ist – wie der Titel schon sagt: genial. Zum Schluss kann sich Lehrer Meyer-Piepenkötter nur wundern. Und ein hinterlistiger Rock auch …

Birgit Ebbert ist ein authentischer Roman über Schüchternheit in der Schule gelungen, der vor allem durch eine ganz besondere Art von leisem Humor überzeugt. Die Figuren sind gleichermaßen glaubwürdig und eigenwillig. Wer spielt schon zum Beispiel, wie Mieke, Marimbafon? Und wer sucht schon im Internet nach dem Gegenteil von Diät, nur fürs Sprechen?

Die Pädagogin hat das wichtige Thema Schulangst unterhaltsam verpackt und eine echte Mutmachergeschichte geschrieben, die nicht nur schüchternen Kindern Spaß machen wird. Ein Roman, der pädagogisch wertvoll ist, ohne pädagogisch daherzukommen. Wunderbar für Mädchen und Jungen ab neun Jahren.

Eine Internetseite zum Buch gibt’s auch.

Ich habe auch ein Interview mit der Autorin geführt.

Birgit Ebbert
Miekes genialer Anti-Schüchternheitsplan
Arena, Würzburg 2012